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100-jährige Olympiasiegerin Agnes Keleti: "Konzentriere dich nicht auf das Gewinnen, sondern mache es aus Liebe"

Die 100-jährige Olympionikin Agnes Keleti überlebte den Holocaust und die Verfolgung, um eine Siegerin für die Ewigkeit zu werden. Im Vorfeld der Spiele Tokio 2020 im Jahr 2021 erzählt die 100-Jährige ihre Geschichte, ihre schönsten Erinnerungen und ihre Wünsche für die Wettkämpfer.

4 min Von Chloe Merrell
Agnes_Keleti

"Man muss das Leben lieben und immer auf die guten Seiten schauen."

Das ist das Geheimnis eines 100-jährigen Lebens, so Agnes Keleti, die älteste lebende Olympiasiegerin der Welt, die ihre Weisheit in einem Interview mit Olympics.com teilt.

Es ist eine Philosophie, die sie durch ein Leben getragen hat, das von Momenten des Erfolgs, der Tragödie, der Widerstandsfähigkeit und des Verlusts geprägt gewesen ist.

Als junge, begabte Turnerin hätte sich Keleti nie vorstellen können, welche Störungen und welches Chaos äußere Kräfte am Anfang einer illustren Karriere zufügen würden.

Im Alter von 16 Jahren gewann die junge Turnerin voller Hoffnung die ungarischen Meisterschaften im Turnen. Ihr Ziel war es, auf der größten Bühne des Sports zu turnen: bei den Olympischen Spielen.

Doch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stellte alles auf den Kopf.

Keletis Heimatland wurde von den Nazis besetzt, und wegen ihrer jüdischen Abstammung bestand Keletis einzige Hoffnung auf Überleben darin, unterzutauchen und die falsche Identität eines christlichen Dienstmädchens anzunehmen.

Während sie, ihre Mutter und ihre Schwester überlebten, wurden ihr Vater und andere Verwandte im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau getötet.

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Agnes_Keleti (2) (Keleti Family)

Keletis Rückkehr zum Turnen

Nach Kriegsende fasste Keleti den Entschluss, ihre Turnkarriere wiederaufzunehmen. Ihr Ziel war es, noch einmal an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

London 1948 endete jedoch mit einer Bänderverletzung, die sie aus dem Wettbewerb warf. Es waren die dritten Olympischen Spiele in Folge, die sie verpasste.

Vier Jahre später, unbeirrt wie eh und je, schaffte Keleti es endlich.

Helsinki 1952 war ihr Olympia-Debüt. An sich eine bemerkenswerte Leistung, denn mit 31 Jahren war Keleti weit über das Alter ihrer Konkurrentinnen hinaus; das Durchschnittsalter ihrer Gegnerinnen lag bei 23 Jahren.

Dann endlich, die Freude.

Keleti verließ Finnlands Hauptstadt als stolze Besitzerin einer Goldmedaille, einer Silbermedaille und zwei Bronzemedaillen.

Ihr Erfolg drängte sie dazu, zu den Olympischen Spielen zurückzukehren und das ganze gymnastische Potenzial auszuschöpfen, das seit ihren ersten nationalen Meisterschaften im Jahr 1937 durch ihren Körper geflossen war.

Bei den Olympischen Spielen Melbourne 1956 begeisterte sie die Welt, als sie die legendäre sowjetische Turnerin Laris Latynina besiegte und weitere sechs Medaillen gewann, davon vier goldene.

Von all ihren zehn Medaillen ist Keletis allererste diejenige, die ihr am meisten am Herzen liegt.

"Meine Lieblingsmedaille ist das Gold im Bodenturnen." - Agnes Keleti zu Olympics.com

"Es ist meine liebste, weil die Bodenübung der Ort ist, an dem ich machen kann, was ich will, und ich kann ich selbst sein."

Im Gegensatz zu den Turndisziplinen, die sich um das Gerät drehen, kann sich die Turnerin am Boden wirklich ausdrücken.

Als eine Frau, die sich daran erinnert, dass sie doppelt so hart kämpfen musste wie die Männer um sie herum, um Ergebnisse zu erzielen, war ihr erstes Gold ein Moment der großen Anerkennung.

Getty Images
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Das Turnen hörte für Keleti dort nicht auf.

Nachdem sich die politischen Spannungen in Ungarn verschärft hatten, suchte Keleti Asyl in Australien, bevor sie schließlich 1957 nach Israel auswanderte. Dort trainierte sie, um schließlich Trainerin der israelischen Gymnastik-Nationalmannschaft zu werden.

Ihren aufstrebenden Schülern brachte sie vor allem eines bei: "Viele Wiederholungen bringen Ergebnisse!"

Bei all dem, was Keleti auf dem Weg zur Verwirklichung ihrer Träume erlebt hat, hat sich die Hundertjährige einige Weisheiten angeeignet, von denen diejenigen, die sich 2021 auf den Weg nach Tokio 2020 machen, sicherlich lernen könnten.

"Der beste Rat", teilt Keleti mit, "ist, sich nicht mit den Umständen zu beschäftigen: wo man ist, wie es aussieht, wie das Wetter ist. Sondern das Beste aus sich herauszuholen."

"Sich nicht auf das Gewinnen konzentrieren, sondern es aus Liebe tun." - Agnes Keleti

Das beständige Licht der olympischen Flamme ist für Keleti etwas, das wie eine feste Konstante in einem Leben geblieben ist, in dem sich so viel in der Welt verändert hat. Ihre liebste historische Erinnerung sind die ersten Schritte des Menschen auf dem Mond.

Keletis Liebe zu den Spielen ist ungebrochen. Sie liebt es immer noch, sich den Sport anzuschauen, aber über allem steht natürlich das Turnen.

Wenn sich eine weitere Generation um das olympische Licht versammelt - eine Flamme, die so hell ist, dass sie die Unterschiede in der Welt in den Schatten stellt - gibt es einen Athleten, auf den sie ein Auge werfen wird.

Eine Turnerin, die, wie Keleti, ihren Namen für immer in die Geschichtsbücher eingravieren wird: Simone Biles.

"Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Übungen nach ihr benannt werden", sagt Keleti. Für einen Turner gibt es keine größere Ehre, als wenn seine Innovation anerkannt wird. Biles hat bereits vier nach sich benannt.

"Ich hoffe für sie, dass alles, was sie geplant hat, bei diesen Olympischen Spielen realisiert wird."

Das Leben von Agnes Keleti ist die Definition eines Lebens voller olympischem Geist. Ihre Geschichte ist eine Erinnerung für alle, dass jeder Widrigkeiten überwinden und Großes erreichen kann.

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